Aufs Schaf gekommen

Redaktionelle Angaben zum Krippenspiel:

Rollenübersicht

  1. Hirte 1
  2. Hirte 2
  3. Hirte 3
  4. Maria
  5. Josef
  6. Levon (tritt in der Krippenszene auf)
  7. Mentaltrainerin
  8. Anlageberaterin
  9. Terroristin
  10. Engel

Das Stück ist für neun Mitspieler konzipiert, wobei einige Rollen (wie Maria und Josef) erst in der letzten Szene auftreten. Die drei Hirten sind durchgehend präsent und stehen im Mittelpunkt der Handlung. Die Nebenfiguren (Mentaltrainerin, Anlageberaterin, Terroristin, Engel) treten jeweils in eigenen Szenen auf und interagieren mit den Hirten. Levon ist eine zusätzliche Figur in der Krippenszene, die den Übergang zu Maria und Josef gestaltet. 

Ein minimalistisches Krippenspiel für neun Mitspieler von Andreas Erben, 2025

(Die Hirten sitzen allein nebeneinander auf der Bühne. Hinter ihnen ist vielleicht ein Holzgerüst, das eine Hütte andeuten soll, oder nur leerer Raum. Maria und Josef sitzen vor einer Krippe mitten in der Gemeinde.)

 

Szene 1: Die Hirten

Hirte 1: Schafe.

Hirte 2: Schafe.

Hirte 3: Schafe.

Hirte 1: Soweit man gucken kann. Bis an den Horizont. Steine, Gras und Schafe.

Hirte 2: Weil du gerade Gras sagst…

Hirte 1: Ey, benimm dich, siehst du nicht, da sind Kinder hier.

Hirte 2: Benimm dich, benimm dich, benimm dich. Das hamse früher immer zu mir gesagt.

Hirte 1: Und, hat‘s geholfen?

Hirte 2: Vielleicht ne halbe Stunde. Das war doch sinnlos. Die hamm sich doch selbst nich richtig benommen. Von wegen, ich soll mich benehmen. Rumgebrüllt hamse, mich geschubst, mich geschlagen. Egal ob ich mich benommen hab oder nich. Und dann hieß es immer: ab in den Stall mit dir! Da, wo du hingehörst, zu den Viechern, du Drecksack.

Hirte 1: Und jetzt biste hier.

Hirte 2: Und jetzt bin ich hier. Bei den Viechern.

Alle Hirten: Wir schuften für nen Hungerlohn, wir sind die Deppen der Nation.

Hirte 1: Schafe.

Hirte 2: Schafe.

Hirte 3: Schafe. Soweit man gucken kann. Bis an den Horizont. Sturm, Sand und Schafe.

Hirte 1: Machst du jetzt einen auf Dichter?

Hirte 3: Hähä, machst du jetzt einen auf Dichter. Ich und Dichter? Du bist wo nicht ganz dicht. In der Thoraschule hab ich immer auf der letzten Bank gehockt. Weil ich immer das Schin mit dem Sin verwechselt hab.

Hirte 1: Mensch, das ist doch pappeeinfach. Beim Sin ist de Punkt vorn und beim Schin ist der Punkt hinten. Hinter allem steckt der Schin Beth. So merkt man sich das. Das nennt man eine Eselsbrücke. Das weiß doch jeder Schmock, du Esel.

Hirte 3: Schmock, Schmock, Schmock, gleich kriegste was mitn Stock. Hamse gerufen. Jeden Tag. Und dann hieß es immer: ab in den Stall mit dir! Da, wo du hingehörst, zu den Viechern, du Drecksack.

Hirte 1: Und jetzt biste hier.

Hirte 3: Und jetzt bin ich hier. Bei den Viechern.

Alle Hirten: Wir schuften für nen Hungerlohn, wir sind die Deppen der Nation.

Hirte 2: Schafe.

Hirte 3: Schafe.

Hirte 1: Schafe. Soweit man gucken kann. Bis an den Horizont. Schafskacke, Wetterjacke, Altersmacke.

Hirte 2: Ey, endlich mal etwas Originelles von dir. Ich dachte, du bist schon völlig dement.

Hirte 1: Du hast ja keine Ahnung, wie das ist, alt zu sein. Ich war mal wer. Jetzt wollen sie nur noch Junge, in der Stadt. Also hab ich mich verdrückt, bin aufs Land.

Hirte 2: Und jetzt biste hier. Als Chef bei den Viechern.

Hirte 1: Und jetzt bin ich hier. Bei den Viechern.

Alle Hirten: Wir schuften für nen Hungerlohn, wir sind die Deppen der Nation.

Hirte 3: Schafe.

Hirte 2: Schafe.

Hirte 1: Schafe. Soweit man gucken kann. Bis an den Horizont. (erstaunt) Wer isn das?

Hirte 2: Wo?

Hirte 1: Na, da drüben.

 

Szene 2: Die Mentaltrainerin

M-Trainerin: Hallo Hirten, wie geht’s euch?

Hirte 2: Schafschlecht.

M-Trainerin: Was?

Hirte 1: Schlafschlecht, meinte er. Schlafschlecht, immer nur schlafschlecht.

M-Trainerin: Dann habe ich genau das Richtige für Euch!

Hirte 1: Was denn?

M-Trainerin: Das wird hier Euch mobilisieren. (zeigt eine rosarote Brille) Ihr braucht einen neuen Blick auf das Leben. Kein Wunder, dass ihr durchhängt, wenn ihr alles nur grau in grau seht. Ihr müsst anfangen, positiv zu denken. Wie ihr ins Leben hineinruft, so schallt es heraus. Jeder von uns ist ein Superheld, die meisten wissen es nur nicht. Es wird Zeit, dass ihr eure riesigen Potentiale entdeckt. Ihr seid zu Großem fähig! Lasst den Siegertyp in Euch von der Leine. Schluss mit Schwarzsehen! Mit meinen Brillen geht das ganz einfach!

Hirte 3: Du meinst das rosarote Ding da?

M-Trainerin: Ja, probier mal.

Hirte 3: Wo sind denn meine schönen weißen Schafe hin? Weg! Ich sehe alles nur noch rosarot!

Hirte 2: Zeig mal her, ich will das auch versuchen. (bekommt Brille) Hilfe, da krieg ich gleich Kopfschmerzen!

Hirte 1: Ich will auch eine. (bekommt Brille überreicht, nun haben alle drei Hirten eine rosarote Brille auf)

M-Trainerin: Und wie ist es?

Hirte 1: (Steht auf, schaut sich langsam im Raum um, setzt dann die Brille ab, dann mehrmals wieder auf und wieder ab, schaut sich immer wieder im Raum um) Und was soll der Spaß kosten?

M-Trainerin: Für euch mache ich einen Sonderpreis. 999 Zisterzen das Stück.

Hirte 1: Was? Soviel verdien ich in meinem ganzen Leben nicht. Und das alles für einen Sylvesterscherz?

M-Trainerin: (gekränkt) In Rom haben sie mir die Brillen aus den Händen gerissen, sogar der Cäsar trägt eine. (Verlangt Brillen zurück) Puh, dass hier ist eben die hinterste Provinz. (setzt eine ihrer Brillen auf und geht ab)

Hirte 1: (ruft hinterher) Hinterste Provinz? Was du verkaufst, hilft dir ja selber nicht!

(Musik als Zwischenspiel)

 

Szene 3: Die Anlageberaterin

A-Beraterin: Einen wunderschönen guten Abend, verehrte Herren.

Alle Hirten: (nacheinander) Namd. Namd. Namd.

A-Beraterin: Wie seht ihr denn aus? (sieht sich um) Und ist das hier, wo ihr wohnt?

Hirte 2: Für uns gibt’s nichts Besseres.

A-Beraterin: Das kann ich aber schnell ändern. Hier kommt ein neuer Appartmentkomplex hin, für jeden von euch eine Loftwohnung mit herrlichen Ausblick über das Land. Den Rest könnt ihr vermieten.

Hirte 1: Und wie soll das gehen, bitteschön?

A-Beraterin: (zeigt Mappe) So! Das ist mein Portfolio! Alles voll mit sicheren und renditestarken Anlagen basierend auf den innovativsten und erfolgreichsten Projekten des ganzen Imperiums! Investieren statt verlieren. Dank meines außergewöhnlichen Scharfsinns ist alles einfach, kompromisslos und zuverlässig. Ich bin die beste Chance, aus eurem Dreck in die Chefetage aufzusteigen. Und so geht’s: Ich vermittle euch ein erstklassiges Aktienpaket. Scharfsinn statt Schafsinn. Noch Fragen?

Hirte 1: Und wie würde das funktionieren? (Steht auf, zeigt seine leeren Hosentaschen)

A-Beraterin: Ganz einfach. Ihr verkauft eure Schafe und investiert den Erlös in sichere und renditestarke Anlagen. Dann müsst ihr nur noch zusehen, wie die Kurse steigen. Schaf war gestern, heute wird gelebt!

Hirte 2: Und was wird dann aus unseren Schafen?

A-Beraterin: Irgendwas. Brust, Rücken oder Keule.

Hirte 2: (Wütend, steht auf) Aber da geht’s lang. Und zwar ganz, ganz schnell. Ich will gleich nur noch einen Kondensstreifen sehen. Sonst… (schüttelt seinen Stock)

A-Beraterin: (im Abgang) Wer nichts riskiert, der verliert. (Jetzt stehen die zwei anderen Hirten auf und schütteln ihre Stöcke.

Hirte 1+3: Und lass dich hier nie wieder sehen!

(Musik als Zwischenspiel, Hirten stehen aufgeregt zusammen, schimpfen und schütteln weiter ihre Stöcke)

 

Szene 4: Die Terroristin

Terroristin: Habt ihr das der gerade aber gezeigt! Das war echt super! Ihr seid Männer, die sich nicht alles gefallen lassen! Wenn es nach mir geht, ich sehe hier eine zukünftige Terrorzelle!

Hirte 3: Was, eine Anlaufstelle? Wofür?

Terroristin: Terrorzelle, nicht Anlaufstelle. Oder doch – eine Anlaufstelle für den Widerstand.

Hirte 1: Wer bist du denn?

Terroristin: Sieht man das nicht? Ich komme von der Heimatfront. Wir sind die wahren Israeliten.

Hirte 2: Und was willst du hier?

Terroristin: Ich suche genau solche Typen wie euch. Leute, die mit dem System fertig sind. Die bereit sind, alles in die Luft zu sprengen. Aber nur mit Stöckern geht das nicht. Ihr braucht richtige Waffen. Und gutes Training. Wir machen aus jedem von euch einen Kämpfer mit Muckies und Mut. Wir werden solchen Leuten wie der da (zeigt auf Anlageberaterin) richtig Feuer unterm Hintern machen. Israel first! Wir werden die Römer davonjagen! Aber das ist nur der Anfang! Dann kommt die neue Zeit für die ganze Welt!

Hirte 1: Meinst du die gigangistische Weltrevolution?

Terroristin: Genau!

Hirte 1: Denkst du, ich bin blöd? Nicht mit mir. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen, das hat mein Vater immer gesagt.

Terroristin: (zu Hirte 2+3) Und was ist mit euch? Seid ihr dabei? Tretet ihr ein?

Hirte 2: Also ohne unsern Chef geht gar nichts. Wenn der nicht will, dann wollen wir auch nicht.

Terroristin: Was seid ihr nur für Schwächlinge! Lahmhasen! Schafsköpfe! Angepasste Konsumenten! Wenn alle so wären wir ihr, dann wird hier nie was anders.

Hirte 3: Red doch, was du willst, ich bleib lieber am Leben.

Terroristin: So einfach kommt ihr nicht davon! Das nächste Mal bringe ich meine Kameraden mit. Dann werden wir uns mit euch mal ernsthaft unterhalten. (droht mit der Faust)

Hirte 2: Mir reichts.

Hirte 1: Sollen die ganzen Besserwisser bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Hirte 3: Wir wollen unsere Ruhe! Endlich Ruhe!

(Musik als Zwischenspiel)

 

Szene 5: Der Engel

Engel: Hallo, ihr da, ihr Hirten auf dem Felde.

Hirte 1: Was ist denn das schon wieder? Ist die nette Frau von der Heimatfront wieder da? Hat sie ihre Kameraden mitgebracht?

Hirte 2: Hast du mich verstanden: Mir reichts!

Hirte 3: Leute, ich glaub mein Schaf pfeift, wenn mich meine Augen nicht täuschen – das ist ein Engel!

Hirte 1: Was, ein Engel?

Hirte 2: Dann nichts wie weg. Mit denen ist nicht zu spaßen. (alle ducken sich)

Engel: Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich tu euch nichts. Gott hat mich geschickt. Ich soll euch sagen, dass in eurem Dorf etwas ganz Großes passiert ist. Gott ist Mensch geworden. Geht hin und schaut euch das Baby an. Es wird euer Leben verändern. (Engel ab)

Hirte 2: Das will ich unbedingt sehen!

Hirte 1: Ich komm mit!

Hirte 3: Ich auch.

(Gehen langsam dorthin, wo die Gemeinde und Maria und Josef sitzen, Musik als Zwischenspiel)

 

Szene 6: An der Krippe

Levon: Guten Abend, wir kommen von der Schaffarm.

Josef: Das sieht man.

Maria: Seid willkommen. Wir sind Maria und Josef. Und das ist unser Baby.

Hirte 2: Ich weiß, das ist das Lamm, das Gott für jeden von uns opfern wird. Er wird endlich den ganzen Dreck wegnehmen, der zwischen Gott und uns allen ist. (nach Johannes 1, 29, Volxbibel)

Hirte 1: Und dieses Lamm wird direkt am Thron Gottes stehen. Bei den vier gewaltigen Wesen und den vierundzwanzig Ältesten. Es wird umringt sein von Milliarden von Engeln. Das Lamm ist mitten im Zentrum. Und da wird es für immer sein. Nur dieses Lamm kann alle Rätsel des Lebens und der Geschichte lösen. (nach Offenbarung 5)

Hirte 3: Schaf ist das letzte? Von wegen! Schaf ist das Beste!

Maria: Ja, wegen unserem Jesus, dem Retter der Welt.